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Hörsturz

Mein Leben lang war ich ein sehr akkustischer Mensch, als Musiker, als Produzent. Aber auch für das Verständnis von Menschen ist es nützlich sie hören zu können. Bis zum Hörsturz im November 2007 hatte ich ein ausgewiesen fantastisches Gehör mit klaren Höhen bis in überdurchschnittliche Bereiche, kurz ich konnte die Nachtigall trapsen hören. So fiel es mir recht schwer, mir die Hörwelt meines Vaters vorzustellen, der seit einer Mittelohrentzündung zur falschen, nämlich zur Kriegszeit die Klänge der Welt nur mit einem Ohr kannte. Eines Abends im November 97 also überlegte ich, welchen meiner Träume eines kreativen Lebens ich eigentlich am liebsten verwirklicht hätte, wenn es nur nach mir ginge. Und nach wirklich gründlichem Überlegen kam ich zu dem Schluss, dass das Dasein eines Musikproduzenten mit einem schönen Studio auf La Gomera wohl das Ideal gewesen wäre. Ungelogen am nächsten Tag passierte es plötzlich, im rechten Ohr ein Tonausfall, ein Gefühl, als hätte man Wasser im Gehörgang. Sowas oder ähnliches, zum Beispiel Tinitusgeräusche, kannte ich ja gut, auch in Verbindung mit Clusterattacken taucht so etwas häufig auf, blieb aber bisher nie länger als ein paar Minuten oder allerhöchstens eine Stunde. So machte ich mir erst Gedanken darüber, als am nächsten Tag der Zustand noch unverändert war. Durch die Kompensationsfähigkeiten des Gehirns merkt man zunächst garnicht das Ausmaß des Ausfalls, aber der Versuch mit dem rechten Ohr zu telefonieren brachte die Erkenntnis das da quasi überhaupt nichts mehr ankam, ein Schnarren, aber kein Geräusch, das man als Stimme oder gar verständliche Worte wahrnehmen konnte. Schreck lass nach, Ton komm wieder. Aber auch weitere zwei Tage später war keine Besserung in Sicht. Ich ging also wie es vorgeschrieben ist zunächst zur Hausärztin, die mit Spekulum kurz nachsah ob ich nicht vielleicht Bohnen ... dann aber eine Überweisung zum HNO Arzt ausstellte. Dort gleich nächstentags an einem Freitag vorstllig geworden, wieder nach Bohnen geschaut, dann an einen Pieptongenerator gesetzt worden, hier das Ergebnis:

So wurde dann umgehend die Behandlung begonnen, auf die in diesem Fall von der Schulmedizin gesetzt wird. Man bekommt eine Infusion aus Kochsalzwasser und Maisdextrose, um die vermutlich vorliegende Infarktsituation im Mittelohr sozusagen wegzuspülen. Das täglich für die Dauer einer Woche. Parallel besorgte ich mir im Internet eine große Dose Ginkgoextrakttabletten sowie alle verfügbaren Informatioenen. Da gab es noch eine neue Behandlungsmethode, eine spezielle Form der Blutwäsche, die auch von einem Arzt in Weimar angeboten wird, den ich umgehend anrief. Dieses Telefonat gehört mit zu den besten Erlebnissen, die ich mit Ärzten hatte. Obwohl er weder meine Versichertenkarte hatte noch meine Anschrift für eine Privatliquidation, nahm sich der gute Mensch fast eine halbe Stunde Zeit und erklärte mir, warum ich mir die eineinhalb tausend Euro nicht erstattungsfähiger Kosten sparen und von dem Geld lieber auf eine ruhige Insel reisen solle. Er selbst, seit Jahren durch einen Hörsturz selbst betroffen. Ich bekam gute Tipps man mit etwas Selbstliebe und Disziplin auch mit diesem Symptom gut zurechtkommen kann, und auch eine einleuchtende Erklärung, warum diese Infusionstherapie vollkommen sinnlos und einfach eine Form von Aktionismus oder Placebo ist. Trotzdem ging ich für die letzten Infusionen weiter zum Arzt, denn den Eindruck von Inompliance wollte ich ja auch nicht schon wieder erwecken. Allerdings vertrug sich das Zeugs aus dem Tropf nicht so gut mit den mitlerweile eingetroffenen Ginkgotabs (oder es waren nur letztere allein) denn kaum war beides in meinem Körper, schwoll dieser auf einmal an. Mein Gesicht und meine Beine, vor allem von den Knieen abwärts waren auf einmal so dick und gespannt, dass sogar die Adern vom umgebenden Gewebe so stark eingeengt wurden, dass ich vor lauter Schreck zurück zum Arzt bin. Dort bekam ich ein entwässerndes Medikament und weitere für ein eventuell neuerliches Auftreten mit nach Hause. Diese Pillen liegen aber, genau wie mein großer Ginkgo Vorrat, seither unangetastet da. Ich hab mich noch nicht getraut noch einmal zu probieren, ob ich etwa ausgerechnet gegen dieses positive Pflänzchen, auf das ich doch später zurückgreifen wollte wenn es einmal zu Rauchersymptomen kommen sollte, allergisch bin, oder ob es doch eher die Gegenwehr gegen die zu jenem Zeitpunkt als sinnlos bis schadhaft bewertete Infusion gelegen hat. An das schlechtere Hören hab ich mich jedenfalls ganz gut gewöhnt.

 
Update September 2009:
Ich habs noch nicht nachmessen lassen, aber vom Subjektiven Eindruck hat sich mein Gehör in diesem Sommer tatsächlich vollständig regeneriert, dankeschöööön!
 
Update November 2012:
Fast das gleiche nochmal, diesmal aber auf der linken Seite

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